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Nachruf der LAG Frauenzentren

Liebe Kerstin,
Du hast getan, was Du noch nie getan hast und nie getan hättest, wäre Dir die Wahl geblieben: Du hast uns einfach verlassen. Wenn dieses schockierend schnelle Ende Dir weiteres Leiden erspart, müssen wir um Deinetwillen froh sein. Wir üben diesen Satz, um Trost zu finden. Noch tröstet er nicht. Kerstin ist unterwegs, in einer Beratung, in Urlaub, selbst: Kerstin ist krank, konnten wir hinnehmen, weil das hieß: Jetzt bist Du nicht da, aber bald erreichen wir Dich wieder. Nun können wir dich nicht mehr erreichen. Das ist unfassbar, Kerstin.

Es tut uns um unseretwillen weh. Und um Deinetwillen. Als Du nach Deinem 60. Geburtstag sagtest, dass Du bald kürzer treten wolltest, hatten wir Dir gewünscht, was wir uns selber wünschen: Leben ohne äußeren Druck, mit Muße für alles, für das nie Muße war. Niemand hätte das mehr verdient gehabt als Du. Du hattest viel zu tragen, privat wie beruflich. Du hast immer den Eindruck vermittelt, dass Du das schaffst. Du bist nie vor Verantwortung zurückgescheut. Du hattest Mut zu Entscheidungen und Mut, Dich auch in die erste Reihe zu stellen. Du warst eine Frau, die Energie ausstrahlte, von der auch andere zehren konnten. Du warst eine Realistin, die in genauer Kenntnis widriger Umstände mit anderen zusammen über das Widrige hinaus denken, Handlungsmöglichkeiten finden und Zuversicht vermitteln konnte. Deine besonderen Schätze waren Humor, Freundlichkeit und Diskretion. Du warst nicht nur zum Leiten befähigt, sondern zum Führen, und das ist viel mehr.

So kennen wir Dich aus der LAG Thüringer Frauenzentren. Du warst jahrelang eine der Sprecherinnen. Du hast in Sachen Politik, speziell in der Frauenpolitik, das Gras wachsen hören und auch das Nahen des Rasenmähers. Du warst gut informiert, und das war das Resultat einer Unermüdlichkeit, die über den normalen Arbeitstag hinaus ging. Denn um das zu sein, was man heute gut vernetzt nennt, musstest Du nicht nur den Tag, sondern auch den Abend nutzen, Zeit vom Privaten abknapsen. Du wusstest viele politische Verbindungen zu knüpfen, und es fiel Dir nicht schwer, dabei überparteilich zu bleiben, denn Dein Anliegen, das auch unseres ist – die Interessenvertretung für Frauen – hast Du immer als Anliegen betrachtet, das dem allgemeinen Wohl dient, auf das also nicht eine gesellschaftliche Gruppe allein Anspruch hat. Es war Dir wichtig, dafür alle ins Boot zu holen, die guten Willens waren. Das klingt einfach, ist aber eine kräftezehrende Aufgabe. Jetzt musst Du Dich nicht mehr anstrengen, Kerstin. Jetzt müssen wir uns anstrengen. Wir müssen ohne Dich zurecht kommen und Dir dabei die Treue bewahren, indem wir Deine Arbeit fortsetzen. Das ist schwer, Kerstin, aber wir hören Dich sagen: Frauen,wir schaffen das.

Wir trauern um Dich, Kerstin. Wir erinnern uns an Dich. Und wenn wir untereinander anfangen, Geschichten zu erzählen, die wir mit Dir erlebt haben, dann werden wir oft gerührt sein und oft lachen müssen. Du wirst wenigstens noch ein bisschen bei uns sein. Danke, Kerstin.

 
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